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Werkstattrisiko liegt beim Schädiger

#758 von Sachverständiger
Werkstattrisiko liegt beim Schädiger wurde erstellt von Sachverständiger
AG Hildesheim, Urteil vom 28.02.2020, AZ: 19 C 99/18

Hintergrund:
Die Parteien streiten um die Erstattung restlicher Reparaturkosten nach einem Verkehrsunfall. Die Haftung der Beklagten steht dem Grunde nach außer Streit.

Die Beklagte ist der Ansicht, dass die Kosten für die Reinigung des Unfallfahrzeugs und Kosten für eine Probefahrt nicht zu erstatten seien. Zudem verweigert die Beklagte die Zahlung eines merkantilen Minderwertes in Höhe von 250,00 €.

Aussage:
Nach Ansicht des erkennenden Gerichts ist die Klage vollumfänglich begründet.

Ein Geschädigter kann gemäß § 249 BGB den zur Wiederherstellung erforderlichen Geldbetrag verlangen, wobei nur solche Aufwendungen erforderlich sind, die ein verständiger, wirtschaftlich denkender Mensch in der Lage des Geschädigten für zweckmäßig und notwendig halten durfte.

Darunter fallen jedoch auch solche Aufwendungen, die sich später als nicht erforderlich herausstellen. Der Schädiger trägt insofern das Prognoserisiko. Es würde dem Sinn und Zweck des § 249 BGB widersprechen, wenn der Geschädigte mit Mehraufwendungen belastet bliebe, die seinem Einflussbereich entzogen sind und die ihren Ursprung darin haben, dass die Reparatur in einer für ihn fremden Sphäre stattfinden muss. Etwas anderes gilt nur dann, wenn den Geschädigten hinsichtlich der Reparaturwerkstatt ein Auswahlverschulden trifft.

„Zu den in den Verantwortungsbereich des Schädigers fallende Mehrkosten gehören auch Kosten für unnötige Zusatzarbeiten, welche durch die Werkstatt ausgeführt wurde n. Die Ersatzfähigkeit von unnötigen Mehraufwendungen ist nur ausnahmsweise dann ausgeschlossen, wenn dem Dritten ein äußerst grobes Verschulden zur Last fällt, so dass die Mehraufwendungen dem Schädiger nicht mehr zuzurechnen sind.“

Vorliegend kann dem Kläger ein solches Auswahlverschulden nicht angelastet werden. Das Gericht führt hierzu aus, dass die Rechnung auch für einen wirtschaftlich denkenden Mensch plausibel erscheint. Die fraglichen Mehraufwendungen betragen 79,37 € im Verhältnis zu einer Gesamtrechnung von 6.242,64 € brutto, sodass auch nicht von grob übersetzten Mehrkosten ausgegangen werden kann.

Die zu zahlende Wertminderung schätzt das Gericht auf 250,00 € und führt hierzu aus:
„Beim merkantilen Minderwert handelt es sich um eine Minderung des Verkaufswerts, die trotz völliger und ordnungsgemäßer Instandsetzung allein deshalb verbleibt, weil bei einem großen Teil des Publikums, vor allem wegen des Verdachts verborgen gebliebener Schäden, eine den Preis beeinflussende Abneigung gegen den Erwerb unfallbeschädigter Kraftfahrzeuge besteht. Der Ausgangspunkt dieser Rechtsprechung ist, dass auf dem Gebrauchtwagenmarkt Unfallfahrzeuge einen geringeren Preis erzielen als unfallfreie, weil verborgene technische Mängel nicht auszuschließen sind und das Risiko höherer Schadenanfälligkeit infolge nicht fachgerechter Reparatur besteht.“

Praxis:
Auch das AG Hildesheim ist der Ansicht, dass das Werkstatt- und Prognoserisiko beim Schädiger liegt und eventuelle Mehrkosten vom Schädiger zu tragen sind. Etwas anderes gilt nur dann, wenn den Geschädigten ein grobes Verschulden bei der Auswahl der Reparaturwerkstatt trifft.


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    Stand: 3. November 2021

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